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Auf dem Weg zu einer technokratischen Biomedizin?

Empirische Einblicke in eine ärztlich-genetische Praxis
Towards a technocratic biomedicine? Empirical insights into a medical genetic practice
 
: Heyen, Nils B.

:

Soziale Welt 67 (2016), Nr.4, S.389-406
ISSN: 0038-6073
Deutsch
Zeitschriftenaufsatz
Fraunhofer ISI ()

Abstract
Dass die Genetisierung der Medizin geradewegs zu einer von der Technik beherrschten, den Menschen aus dem Blick verlierenden Biomedizin führt, ist eine auch in den Sozialwissenschaften verbreitete Annahme. So werde der Patient zunehmend auf seine „Biomasse“ reduziert und die Rolle des Arztes nähere sich mehr und mehr der eines „Gesundheitsingenieurs“ oder „Biokraten“. Der Beitrag geht diesen Beobachtungen bzw. Befürchtungen nach und will vor dem Hintergrund einer umfangreichen empirisch-qualitativen Untersuchung der prädiktiven genetischen Diagnostik und Beratung zeigen, dass das angedeutete Bild einer technokratischen Biomedizin die Realität eher konterkariert und die Ärztinnen und Ärzte in der humangenetischen Praxis in Deutschland im Gegenteil besonders untechnokratisch handeln. Dabei wird eine professionssoziologische Perspektive eingenommen, in der technokratisches Handeln gerade in strukturlogischem Gegensatz zu ärztlich-professionellem Handeln steht. Allerdings macht die Analyse von aufgezeichneten Beratungsgesprächen und Interviews mit den Professionellen auch die durchaus vorhandenen Einstiegspunkte einer Technokratisierung sichtbar. Es wird deutlich, dass eine technokratische medizinische Praxis keine unmittelbare Folge humangenetischen Wissens oder biomedizinischer Technologien wäre, sondern Ausdruck eines potenziell immer möglichen technokratischen Umgangs der Ärzteschaft mit der neuen Technik. Ob die Genetisierung der Medizin also zu einer technokratischen Biomedizin oder eher umgekehrt zu einer Art professionalisierter Beratungsmedizin führt, ist keineswegs ausgemacht.

 

It is a widespread assumption also within German-speaking social sciences that the geneti- cization of medicine directly leads to a biomedicine which is completely ruled by technology and has lost sight of the individual human being. For instance, it is argued that the patient would be more and more reduced to his "biomass" and the doctor's role would come closer and closer to the role of a "health engineer" or "biocrat" This paper deals with those observations or concerns and aims to show on the basis of a comprehensive qualitative study on the predictive genetic diagnostics and counseling practice in Germany that the image of a technocratic biomedicine rather distorts reality because the medical genetic doctors act not at all in a technocratic manner. Following an approach of sociology of professions, technocratic action here means (in terms of general action structures) the opposite of professional medical action. However, the analysis of recorded genetic counseling sessions and interviews with professionals also uncovers the existing entry points of technocratization. It becomes obvious that a technocratic medical practice would not be an immediate effect of genetic knowledge or biomedical technologies but the expression of a (always possible) technocratic handling of the new technologies by the medical genetic doctors. Whether the geneticization of medicine leads to a technocratic biomedicine or conversely to a sort of professionalized consulting medicine therefore remains to be seen.

: http://publica.fraunhofer.de/dokumente/N-456047.html