Fraunhofer-Gesellschaft

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Functional Food: Nur "fun" oder was?

 
: Menrad, K.; Hüsing, B.; Menrad, M.; Reiß, T.; Beer-Borst, S.; Zenger, C.

Bio world. Die Fachzeitschrift für molekular-biologische und biotechnologische Anwendungen 5 (2000), Nr.6, S.43-46
ISSN: 1424-8514
Deutsch
Zeitschriftenaufsatz
Fraunhofer ISI ()
Bestandsaufnahme; Nahrungs- und Genussmittelgewerbe; internationaler Vergleich; Nahrungsmittel; Medizin; Marketing; Schweiz; Akzeptanz; Lebensmittel; Akteur

Abstract
Derzeit erleben Lebensmittelprodukte einen Boom, die nicht nur der Sättigung und der Nährstoffzufuhr dienen, sondern dem Konsumenten einen Zusatznutzen versprechen, der in der Steigerung des körperlichen und seelischen Wohlbefindens liegt. Eine allgemein akzeptierte Abgrenzung und Definition dieser Produkte liegt bisher noch nicht vor, als Sammelbegriff hat sich Functional Food eingebürgert. Functional Food sollen Bestandteile enthalten, die eine oder mehrere Körperfunktionen so beeinflussen, dass davon positive Wirkungen ausgehen können. Functional Food sollen bestimmten ernährungsabhängigen Erkrankungen vorbeugen, ihr Auftreten verzögern oder ihren Verlauf günstig beeinflussen können. Ernährungsabhängige Erkrankungen sind ein wichtiger Kostenfaktor im Gesundheitswesen und tragen beispielsweise in Deutschland zu knappeinem Drittel aller Kosten im Gesundheitswesen bei. Functional Food als Bestandteil einer richtigen oder gesunden Ernährung beinhalten prinzipiell die Möglichkeit, zur Verringerung und Prävention ernährungsabhängiger Erkrankungen beizutragen und damit positive Public Health-Effekte bewirken zu können. Diesen erwarteten positiven Effekten stehen jedoch auch kritische Einschätzungen gegenüber. Die europäische Lebensmittelwirtschaft weist beispielsweise darauf hin, dass in den USA und Japan in den letzten Jahren gute Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für die Vermarktung von Functional Food geschaffen worden seien, indem öffentliche Forschungsprogramme zur Untersuchung der wissenschaftlichen Grundlagen der Funktionen und gesundheitlichen Wirkungen von Functional Food aufgelegt wurden und gleichzeitig gesetzlich geregelt worden sei, wie mit den Gesundheitswirkungen von Functional Food geworben werden dürfe. Die Rahmenbedingungen in Europa werden im Vergleich hierzu ungünstiger eingeschätzt und entsprechende gesetzliche Regelungen befänden sich erst noch in der Entwicklung. Organisationen, die Konsumenten- und Patienteninteressen vertreten, befürchten eine Täuschung und Irreführung der Konsumenten, Unternehmensvertreter eine Begünstigung unlauteren Wettbewerbs, wenn mit Gesundheitsaussagen für Functional Food uneingeschränkt geworben werden dürfe. Diese Bedenken berufen sich auf die Einschätzung von Ernährungs- und Gesundheitswissenschaftlern, die die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Functional Food derzeit als wissenschaftlich nicht ausreichend abgesichert erachten oder diesen Lebensmitteltyp als überhaupt unnötig ansehen. Eine der zentralen strittigen Fragen ist, welche Anforderungen an die wissenschaftliche Fundierung und den Nachweis der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Functional Food vor ihrer Vermarktung zu stellen sind. Sollen hierbei ähnlich wie bei Heilmitteln klinische Prüfungen und Zulassungsverfahren als Voraussetzung für eine Vermarktung von Functional Food gefordert werden? Falls die Entwicklung in diese Richtung geht, auf welche Weise kann dann die traditionell wenig forschungsintensive Lebensmittelindustrie diesen Anforderungen überhaupt gerecht werden?. Insgesamt stellt sich Functional Food als eine Entwicklung an der Schnittstelle zwischen Ernährung und Medizin dar, die erhebliche Potenziale für den Erhalt und die Verbesserung der individuellen und kollektiven Gesundheit zu bergen scheint und zudem einem wichtigen Wirtschaftszweig Wachstumsmöglichkeiten bieten könnte. Um diese Potenziale tatsächlich realisieren zu können, müssen jedoch geeignete Rahmenbedingungen und Voraussetzungen vorliegen, die offenbar erst noch geschaffen werden müssen. Gleichzeitig scheint die Wissensbasis, auf der derartige Entscheidungen getroffen werden könnten, nicht auszureichen. Insbesondere liegen widersprüchliche Aussagen über die Wirksamkeit von Functional Food vor.
Das Projekt gliedert sich in vier Projektteile und sieben Untersuchungslinien. Der 1. Projektteil umfasst die Beschaffung, Systematisierung und Aufarbeitung der relevanten Informationen sowie die Technikvorausschau. Im 2. Projektteil wurden die schweizspezifischen Aspekte herausgearbeitet. Im 3. Projektteil erfolgte eine Integration und Gesamtbewertung der einzelnen Untersuchungslinien und die Herausarbeitung der schweizspezifischen, generellen und international wirksamen Einflussfaktoren und Bewertungen. Daraus wurden im 4. Projektteil Handlungsempfehlungen für die Schweiz abgeleitet. Insgesamt umfasst das Projekt sieben Untersuchungslinien: Definition und Abgrenzung von Functional Food, Stand und Perspektiven von Wissenschaft und Technik zur Bereitstellung von Functional Food, Stand und Perspektiven von Wissenschaft und Technik zur Wirksamkeit von Functional Food, Auswirkungen von Functional Food auf die Kosten im Gesundheitswesen (Public Health-Aspekte), Ökonomische Aspekte, Rechtliche Aspekte, Gesellschaftliche Aspekte. Die Informationsbeschaffung umfasst die Auswertung wissenschaftlicher und grauer Literatur, die Auswertung von Delphi-Befragungen aus Deutschland, Japan, Italien und Grossbritannien, die zwischen 1993 und 1997 durchgeführt wurden, die leitfadengestützte Befragung von 40 Experten aus 16 schweizerischen Organisationen sowie die schriftliche Befragung gesellschaftlicher Gruppen in der Schweiz. Erhebungsverfahren: Inhaltsanalyse standardisiert, Inhaltsanalyse offen, Akten- und Dokumentenanalyse standardisiert, Akten- und Dokumentenanalyse offen, Standardisierte Befragung face to face, Standardisierte Befragung telefonisch, Standardisierte Befragung schriftlich, Anderes Verfahren Delphibefragungen Erhebungseinheiten: 307 Auswahlverfahren: nicht repräsentativ Anzahl Untersuchungseinheiten: 178 Untersuchungsdesign: rein qualitativ Weitere relevante Präzisierungen: Mitte Mai 1999 wurde eine nicht repräsentative Stichprobe von insgesamt 307 Schweizer Personen und Institutionen (sog. Akteure) der folgenden gesellschaftlichen Gruppierungen schriftlich um eine Stellungnahme zum Thema Functional Food gebeten: Interessenvertretungen der Konsumenten Produzenten und Produzentenvereinigungen Gross- und Einzelhandel sowie Handelsverbände Forschung und Wissenschaft (Grundlagen- und angewandte Forschung) Private und öffentliche Institutionen im Gesundheitswesen Behörden (Gesetzgebungs- und Kontrollinstanzen) Politische Parteien Medien Die angesprochenen Akteure wurden gebeten, sich bei der Erarbeitung ihrer Stellungnahme an den folgenden bewusst offen formulierten Fragen zu orientieren, sofern diese für ihre Institution von Relevanz sind: Sind Functional Food ein relevantes Thema für Ihre Institution? Warum? Was versteht Ihre Organisation unter Functional Food? Können Sie Beispiele für typische Produkte geben, die in der Schweiz erhältlich sind? In welcher Weise und in welchem Umfang hat sich Ihre Institution bereits mit dem Thema Functional Food beschäftigt? Welche Zielsetzung verfolgt Ihre Organisation bezüglich Functional Food? Welches sind hierbei die wichtigsten Aspekte für Ihre Institution? Zu welchen (Zwischen-)Ergebnissen und Einschätzungen ist Ihre Organisation bislang gekommen? Warum? Welche Gesichtspunkte hat Ihre Institution noch nicht abschliessend beurteilt oder beurteilen können? In welcher Weise will sich Ihre Organisation in Zukunft mit dem Thema Functional Food befassen? Wie schätzt Ihre Organisation die derzeitige und zukünftige Bedeutung von Functional Food ein? Welchen Informations- und Handlungsbedarf sieht Ihre Organisation? Welche Massnahmen erscheinen aus Sicht Ihrer Organisation notwendig bzw. geeignet, um die gesellschaftliche Auseinandersetzung über Functional Food in der Schweiz zu fördern.

: http://publica.fraunhofer.de/dokumente/N-3607.html